Rheinstein während des Nationalsozialismus

Am 30. Januar übernahmen Hitler die Geschäfte des Reichskanzlers und der Nationalsozialismus die Macht in Deutschland. Dennoch vollzog sich die Machtergreifung nicht von heute auf morgen. Von Hitler gesteuert und betrieben, verlief zunächst vieles äußerlich in denselben Bahnen wie zuvor.

Deutschland wurde von einem Rausch erfasst. Kontinuität und Neuerungen durchdrangen sich und für die meisten war zunächst nicht sichtbar, dass Hitler auf Krieg und Judenmord hin agierte. Nachdem 1934 die Macht endgültig in den Händen des Diktators war und sich der Totalitarismus immer deutlicher zeigte, war die Frage des richtigen Handelns für die meisten nicht klar. Auch auf der hohen Ebene war man sich teils nicht sicher, wie gegen das menschenverachtende Vorgehen der NSDAP zu reagieren sei. So hat es in den Reihen der Katholiken und weit darüber hinaus Widerstand in sehr vielen Kleinigkeiten, aber auch in umfassendem Sinn gegeben. Als besonderes Beispiel aus dem Studentenkreis ist hier das Beispiel der „Weißen Rose“ zu nennen. Insgesamt ist dadurch der Wunsch zum gemeinsamen Handeln über die religiösen, weltanschaulichen und ideologischen Barrieren hinweg für eine gerechtere Ordnung der Politik und des gesellschaftlichen Lebens gewachsen.

Der Druck der Partei auf die Verbindung nahm mit der Machtergreifung drastisch zu. Die völkerrechtlichen Bestimmungen des Reichskonkordates wurden von den Nationalsozialisten einfach missachtet. Die Vorgänge im CV stellt das CV – Handbuch ausführlich dar. Auch in Bezug auf Rheinstein blieb die neue Situation nicht ohne Folgen. Die Korporation bezog zwar bis zur Auflösung eine ablehnende Haltung zum Regime, kam jedoch in Schwierigkeiten, als es darum ging, ob der Dienst in einer politischen Organisation das Fernbleiben von Verbindungsveranstaltungen rechtfertigte. Der Geist der Verbindung kam dadurch nicht ins Wanken. Einzelne Bundesbrüder traten in die Partei ein, um sich in ihrem Beruf und ihre Familie nicht Repressalien aussetzen zu müssen. Gezwungen durch die Einführung des sog. „Führerprinzips“ wurde Philistersenior Korndörfer nunmehr Verbindungsführer. Auch die Besetzung der Vorstände stieß auf Schwierigkeiten. Da die Zukunft sehr ungewiss war, wollte natürlich jeder bald sein Examen abschließen. Dennoch fanden sich Idealisten, die jede Verbindung braucht und die, wenn auch oft nur ein halbes Semester, eine Charge übernahmen.
Die Aktivitas hielt zusammen, doch die Altherrenschaft stand mehr im Schussfeuer. Sie bekam größte Schwierigkeiten. 1934 wurden die Verbandsleiter von KV und CV im Reichsinnenministerium dazu genötigt, die konfessionellen Bindungen der Korporationen als überholt zu bezeichnen. Trotz heftiger Dementis auf der sofort einberufenen C.V. blieben die Folgen dieses Schrittes nicht aus. Einige Bundesbrüder traten aus Protest aus dem CV aus und AH Korndörfer legte seine Ämter nieder. Obwohl Rheinstein auch weiterhin auf dem Katholizitätsprinzip beharrte, glaubte man die Machthaber nicht unnötig auf sich aufmerksam machen zu sollen. So wurde die K.D.St.V. Rheinstein in AV Rheinstein umbenannt. Dies war das Ergebnis des CCs vom 1.April 1934. Das andere war, dass sich kein neuer Phil x fand. Um nicht ohne Verbindungsleitung zu sein, übernahm AH Venten das Amt des Verbindungsführers, ihm zur Seite stand ein Führerring. Der Nachwuchs blieb in dieser Zeit fast ganz aus, da der NSDStB immer mehr Einfluss gewann.
Am 2. April 1935 wurde auf Betreiben Bobby Peters das Amt des Phil x mit Dr. med. Paul Schneider von Rhenania Marburg besetzt. Bobby selbst übernahm die Charge als Phil xx. Unter dem Seniorat von Franz Joseph Poischen, unserem derzeitigen Ehren Phil x, und Hans Hußmann als Fuxmajor, gelang das 10. Stiftungsfest zu einem letztmaligen Höhepunkt vor dem Krieg. Auf der letzten Burgfahrt wurden 10 Füxe geburscht.
Das Ende kam schnell. Die amtliche Verordnung lautete wie folgt:
„Der Reichsführer SS und der Chef der deutschen Polizei hat auf Grund des §1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 sämtliche katholische Studenten- und Akademikerverbände einschließlich aller Untergliederungen mit sofortiger Wirkung aufgelöst.“
Der CV hatte zuvor auf der 63. C.V. in Würzburg am 27. Oktober 1935 bei fünf Gegenstimmen, zu denen die Rheinsteins zählte, seine Selbstauflösung beschlossen. Rheinstein war dadurch noch nicht aufgelöst, jedoch konnte kein ordentlicher Semesterbetrieb stattfinden. Die Mitglieder trafen sich nur noch zum wöchentlichen Dämmerschoppen. Auf Dauer konnte auch Rheinstein nicht mehr bestehen. Die oben erwähnte Verordnung gab ihr den Rest. So beschießt der CC vom 25. Mai 1936 die Selbstauflösung. Dennoch trafen sich die Alten Herren ab und zu, eingedenk ihres Prinzips der Lebensfreundschaft. Beschlagnahmung von ehemaligem Verbindungseigentum und Hausdurchsuchungen machten Zusammenkünfte aber immer schwieriger. Der Krieg zerstreute auch die letzten Reste einer Verbindungsvergangenheit. Die meisten Rheinsteiner wurden eingezogen, jeder vierte starb oder galt als vermisst.